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Wiener Medizin: vom Narrenturm zum Steinhof

Ein runder Turm für psychisch Kranke, Wachsmodelle aus Florenz und eine Jugendstilkirche ohne scharfe Kanten: Orte, an denen sich die Geschichte der Wiener Medizin besichtigen lässt.

Illustration der Kirche am Steinhof mit goldener Kuppel in einer Parklandschaft.

Van Swieten und die Erste Wiener Medizinische Schule

Lange war Medizin an den Universitäten reine Theorie. Das änderte sich in Wien im 18. Jahrhundert: 1745 holte Maria Theresia den niederländischen Arzt Gerard van Swieten an den Hof. Er reformierte das Medizinstudium, führte Unterricht am Krankenbett ein und ordnete das Gesundheitswesen neu. Bekannt ist auch sein Gutachten zu angeblichen „Vampiren“ in Mähren, die er mit natürlichen Ursachen erklärte.

Das Allgemeine Krankenhaus und der Narrenturm

Unter Joseph II. öffnete 1784 das Allgemeine Krankenhaus am Alsergrund – eine Großanlage für alle Kranken, unabhängig von Stand und Religion. Im selben Jahr wurde daneben der Narrenturm bezogen, ein runder, fünfstöckiger Bau für psychisch Kranke. Die Wiener nannten ihn spöttisch „Kaiser Josephs Gugelhupf“. Heute ist hier die Pathologisch-anatomische Sammlung untergebracht, seit 2012 Teil des Naturhistorischen Museums. Das alte Krankenhausgelände ist seit 1998 Universitätscampus.

Das Josephinum

1785 gründete Joseph II. eine medizinisch-chirurgische Akademie zur Ausbildung von Militärärzten – damals wurde Chirurgie noch oft von Badern und Wundärzten ausgeübt. Im Gebäude, dem Josephinum, sind heute die medizinhistorischen Sammlungen der MedUni Wien zu sehen, darunter die berühmten anatomischen Wachsmodelle, die im 18. Jahrhundert in Florenz angefertigt wurden.

Die Zweite Wiener Medizinische Schule

Im 19. Jahrhundert wurde Wien zu einem Zentrum der Medizin:

  • Carl von Rokitansky machte die pathologische Anatomie zur Grundlage der Diagnostik,
  • Joseph Škoda entwickelte die physikalische Untersuchung (Abklopfen, Abhören),
  • Ferdinand von Hebra begründete die wissenschaftliche Dermatologie,
  • Ignaz Semmelweis erkannte die Ursache des Kindbettfiebers und senkte die Sterblichkeit durch Händedesinfektion,
  • Theodor Billroth führte 1881 die erste erfolgreiche Magenresektion durch.

Karl Landsteiner entdeckte 1901 in Wien die Blutgruppen und erhielt dafür 1930 den Nobelpreis.

Steinhof

1907 wurde die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof eröffnet, mit Pavillons im Grünen und der Kirche am Steinhof von Otto Wagner, ausgestattet von Koloman Moser – ein Hauptwerk des Jugendstils, durchdacht für ihre Besucher: abwaschbare Oberflächen, keine scharfen Kanten, gute Sicht für das Pflegepersonal. Zur Geschichte des Ortes gehört auch die NS-Zeit: In der Anstalt „Am Spiegelgrund“ wurden Kinder und Erwachsene ermordet; ein Mahnmal erinnert daran. Besuchszeiten der Kirche bitte vorab prüfen.

Dieser Beitrag beruht auf dem Artikel „От цикуты до томографа“ („Vom Schierling zum Tomographen“) von Olga Tschupowa im Magazin Code 43, Frühling/Sommer 2015, und wurde für code43.at neu bearbeitet.

Quellen & Hinweise

  1. Josephinum – Medizinische Sammlungen der MedUni Wien
  2. Wikipedia: Narrenturm
  3. Wikipedia: Josephinum
  4. Wikipedia: Kirche am Steinhof

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