Die Wiener Werkstätte: Kunst für den Alltag
Vom Löffel bis zum Palais, vom Kleid bis zur Postkarte: 1903 wollten zwei junge Künstler den Alltag schöner machen. Wirtschaftlich ging das selten auf – künstlerisch wirkt es bis heute.
Die Idee
Vorbild war die englische Arts-and-Crafts-Bewegung um William Morris: Handwerk statt Massenware, Schönheit auch im Gebrauchsgegenstand. In Wien griffen zwei Mitglieder der Secession diese Idee auf – der Architekt Josef Hoffmann und der Maler und Designer Koloman Moser. 1903 gründeten sie gemeinsam mit dem Industriellen und Mäzen Fritz Waerndorfer die Wiener Werkstätte. Überliefert ist die Anekdote, die beiden hätten im Kaffeehaus ein Startkapital von 600 Kronen genannt – und es sofort bekommen.
Alles aus einer Hand
Die Werkstätte fertigte Möbel, Silber, Schmuck, Glas, Keramik, Lederwaren, Bucheinbände, Stoffe, Tapeten und Postkarten; später kam eine Modeabteilung unter Eduard Wimmer-Wisgrill hinzu. Jedes Stück trug das Monogramm des Entwerfers, des ausführenden Handwerkers und das verschlungene „WW“. Typisch für die frühen Jahre sind klare geometrische Formen – das Quadrat wurde fast zum Markenzeichen –, inspiriert auch von japanischer Kunst.
Das Ideal war das Gesamtkunstwerk. Am vollständigsten verwirklicht wurde es im Palais Stoclet in Brüssel (1905–1911): Hoffmann und die Werkstätte gestalteten Haus, Garten, Möbel und Geschirr, Gustav Klimt den Fries im Speisesaal. Entwürfe dazu besitzt das MAK in Wien.
Schöne Dinge, schwierige Zahlen
Wirtschaftlich stand die Werkstätte nie auf sicheren Beinen. Waerndorfer verlor sein Vermögen und emigrierte 1914 in die USA; auch spätere Geldgeber verloren viel. Nach dem Ersten Weltkrieg prägte Dagobert Peche mit verspielten, ornamentalen Entwürfen die Produktion; er starb 1923 mit nur 36 Jahren. 1932 musste die Wiener Werkstätte aufgelöst werden.
Wo man sie heute sieht
- Im MAK – Museum für angewandte Kunst am Stubenring, dessen Ferstel-Bau von 1871 einst den Gründern als Studiensammlung diente, gehört die Wiener Werkstätte zu den Schwerpunkten der Sammlung.
- Einige Wiener Manufakturen fertigen bis heute nach historischen Entwürfen, etwa die Porzellanmanufaktur Augarten (Hoffmanns Service „Melone“) und die Textilfirma Backhausen.
Öffnungszeiten bitte vorab auf der Website des MAK prüfen.
Dieser Beitrag beruht auf einem Artikel über die Wiener Werkstätte von Jekaterina Kosertschuk-Pisnjatschewskaja im Magazin Code 43, Sommer 2014, und wurde für code43.at neu bearbeitet.