Die Universität Wien: seit 1365
Gegründet von einem 25-jährigen Herzog, der mit seinem Schwiegervater in Prag mithalten wollte: ein Spaziergang durch über 650 Jahre Universitätsgeschichte – vom alten Universitätsviertel bis zum Ring.
Ein Herzog mit Ehrgeiz
1348 gründete Kaiser Karl IV. in Prag eine Universität. Sein Schwiegersohn, der Habsburger Herzog Rudolf IV., genannt „der Stifter“, wollte nicht zurückstehen: Am 12. März 1365 unterzeichnete er mit seinen Brüdern den Stiftbrief der Wiener Universität. Rudolf starb noch im selben Jahr, erst 26 Jahre alt. Die Universität hatte anfangs weder eigene Gebäude noch eine theologische Fakultät – diese kam erst 1384 hinzu. Heute gilt die Universität Wien als älteste Universität im heutigen deutschsprachigen Raum.
Das alte Universitätsviertel
Wer die Anfänge sucht, geht in die Innere Stadt, wenige Minuten vom Stephansdom. Rund um die Jesuitenkirche und die Alte Universität lag das mittelalterliche Studentenviertel. Gelehrt wurde auf Latein: Professoren lasen die anerkannten Autoren vor und kommentierten sie, Studenten übten sich im Disputieren. Im Stephansdom sind viele Professoren bestattet, darunter der Humanist Conrad Celtis, für den Kaiser Maximilian I. ein eigenes Dichterkolleg gründete.
Reformen, Revolution, Freiheit der Lehre
Im 16. Jahrhundert übernahmen die Jesuiten die Kontrolle über die Universität. Erst unter Maria Theresia und ihrem Leibarzt Gerard van Swieten wurde sie zur staatlichen Anstalt mit praxisnaher Ausbildung; der barocke Bau am heutigen Dr.-Ignaz-Seipel-Platz beherbergt inzwischen die Akademie der Wissenschaften. 1848 kämpften Studenten in der Akademischen Legion für die Revolution. Aus dieser Zeit stammt ein Grundsatz, der bis heute in der Verfassung steht: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ Ab 1897 durften Frauen ordentlich studieren, zuerst an der Philosophischen Fakultät.
Am Ring
1884 bezog die Universität ihr Hauptgebäude an der Ringstraße, entworfen von Heinrich Ferstel. Für den Festsaal malte Gustav Klimt die umstrittenen Fakultätsbilder; sie verbrannten 1945. Die Zwischenkriegszeit war von Antisemitismus geprägt, nach dem „Anschluss“ 1938 wurde ein großer Teil der Lehrenden und Studierenden vertrieben. Gedenktafeln und ein Mahnmal im Arkadenhof erinnern daran.
Heute ist die Universität auf viele Standorte verteilt, darunter der Campus im ehemaligen Allgemeinen Krankenhaus am Alsergrund. Die Medizinische Fakultät ist seit 2004 eine eigene Universität. Der Arkadenhof des Hauptgebäudes mit den Denkmälern berühmter Gelehrter ist öffentlich zugänglich.
Dieser Beitrag beruht auf dem Artikel „Почтенный возраст“ („Ein ehrwürdiges Alter“) von Jekaterina Kosertschuk-Pisnjatschewskaja im Magazin Code 43, Frühling/Sommer 2015, und wurde für code43.at neu bearbeitet.