Die Ringstraße: Wiens Prachtboulevard
Wo bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Stadtmauer stand, ließ Kaiser Franz Joseph einen Boulevard aus Oper, Parlament, Rathaus und Museen anlegen. Eine Fahrt im Uhrzeigersinn.
„Es ist Mein Wille“
Mit diesen Worten begann im Dezember 1857 ein Handschreiben Kaiser Franz Josephs: Die Befestigungen rund um die Innere Stadt sollten fallen, an ihrer Stelle und auf dem freien Glacis davor ein Prachtboulevard entstehen. Für die Planung gab es einen internationalen Wettbewerb; 1865 wurde die Ringstraße feierlich eröffnet. Auch der Wiener Ring ist kein Kreis: Zusammen mit dem Franz-Josefs-Kai umschließt er die Altstadt als Vieleck.
Zuerst entstanden die Palais des neuen Adels und des Großbürgertums – Bankiers und Industrielle wie die Ephrussi, Epstein oder Todesco. Der Verkauf der Grundstücke finanzierte die öffentlichen Bauten. Der vorherrschende Stil ist der Historismus: Neorenaissance, Neobarock, Neogotik, je nachdem, wofür ein Gebäude stehen sollte.
Oper
Die Staatsoper eröffnete 1869 mit Mozarts „Don Giovanni“. Die Kritik an dem Bau war damals so heftig, dass die Architekten sie nicht überstanden: Eduard van der Nüll nahm sich 1868 das Leben, August Sicard von Sicardsburg starb wenige Wochen später. Nach den Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs wurde das Äußere wiederhergestellt, der Zuschauerraum neu gestaltet; 1955 öffnete das Haus wieder – mit Beethovens „Fidelio“.
Hofburg, Heldenplatz und Museen
Hinter dem Burggarten, der erst 1919 für die Öffentlichkeit geöffnet wurde, beginnt die Hofburg. Das geplante Kaiserforum sollte sie mit den beiden Hofmuseen verbinden; gebaut wurden nur die Neue Burg und die Museen, bevor die Monarchie 1918 zerfiel. Vom Balkon der Neuen Burg verkündete Hitler 1938 vor einer jubelnden Menge auf dem Heldenplatz den „Anschluss“ Österreichs.
Parlament, Rathaus, Burgtheater
Theophil Hansen gestaltete das Parlament bewusst nach dem Vorbild griechischer Tempel – als Hinweis auf die Wiege der Demokratie; davor steht der Pallas-Athene-Brunnen. Gegenüber liegt der Volksgarten mit seinen Rosenbeeten.
Für das Rathaus wählte Friedrich Schmidt die Gotik, den Stil der freien Bürgerstädte. Man erzählt, kein Gebäude am Ring habe die Votivkirche überragen dürfen – der Turm ist 98 Meter hoch, mit dem Rathausmann an der Spitze wird er höher. Gegenüber steht das Burgtheater, für das die junge „Künstler-Compagnie“ mit Gustav und Ernst Klimt und Franz Matsch Deckengemälde schuf.
Universität und Votivkirche
Beide stammen von Heinrich Ferstel. Die Votivkirche ist ein Dankesbau: 1853 überlebte der junge Kaiser ein Messerattentat, sein Bruder Maximilian rief zu Spenden für eine Kirche auf. Geweiht wurde sie 1879.
Zum Schluss: Stadtpark
Am Stubenring und am nahen Donaukanal stehen Bauten der Wiener Moderne – Otto Wagners Postsparkasse und die Urania von Max Fabiani –, am Ring selbst Ferstels Museum für angewandte Kunst. Im Stadtpark wartet seit 1921 das vergoldete Denkmal für Johann Strauss (Sohn).
Tipp: Die Ringstraße lässt sich gut mit den Straßenbahnlinien entlang des Rings erkunden – oder zu Fuß, Abschnitt für Abschnitt.
Dieser Beitrag beruht auf dem Artikel „Дорогое кольцо“ („Der teure Ring“) von Jekaterina Kosertschuk-Pisnjatschewskaja im Magazin Code 43, Winter 2013/2014, und wurde für code43.at neu bearbeitet.