Der Wiener Walzer: vom Verbot zur Begeisterung
Heute gehört er zu jedem Ball – vor gut zweihundert Jahren galt der Walzer als unanständig und gesundheitsschädlich. Wie ein Tanz aus der Vorstadt die Welt eroberte.
Wo alles anfing
Wer den ersten Walzer spielte, darüber streiten Musikwissenschaftler bis heute. Eine schöne Version führt auf die Bühne: In der Oper „Una cosa rara“ von Vicente Martín y Soler, 1786 in Wien uraufgeführt, drehen sich die Hauptfiguren im Finale in einem walzerartigen Tanz – einem Tanz, der bis dahin als Vergnügen der Vorstädte und einfachen Leute galt.
Die Wurzeln liegen tatsächlich in der Volksmusik: im Ländler und in anderen Drehtänzen im Dreivierteltakt. Ende des 18. Jahrhunderts spielten in den Wiener Vorstädten kleine Gruppen – oft zwei Geigen, Gitarre und Bass – solche Melodien in Gasthäusern. Aus diesem Milieu kam Michael Pamer, in dessen Kapelle Joseph Lanner und Johann Strauss (Vater) ihre Karriere begannen.
Ein „unanständiger“ Tanz
Für Kirche und Obrigkeit war der Walzer lange ein Ärgernis: zu eng, zu schnell, zu wild. In Zeitungen und Reiseberichten der Zeit ist von Sittenverfall und Gesundheitsgefahr die Rede. Durchgesetzt hat er sich trotzdem – auch weil er leichter zu lernen war als das steife Menuett und gut in eine Gesellschaft passte, die nach der Französischen Revolution freier wurde.
Einen großen Schub brachte der Wiener Kongress 1814/15: Die Delegierten tanzten Walzer auf den Bällen und trugen ihn in die Hauptstädte Europas.
Lanner, Strauss und Söhne
Lanner und Strauss Vater machten den Walzer kürzer, schneller und konzerttauglich. Beide wurden keine fünfzig Jahre alt; ihre Ehrengräber liegen heute am Wiener Zentralfriedhof. Ab den 1840er-Jahren übernahm Johann Strauss (Sohn) – gegen den Willen des Vaters – mit seinen Brüdern Josef und Eduard.
Über den „Walzerkönig“ erzählt man sich viele Anekdoten – etwa, dass er selbst nie Walzer getanzt haben soll. Belegt ist dagegen die Geschichte seines berühmtesten Werks: „An der schönen blauen Donau“ entstand für den Wiener Männergesang-Verein und wurde im Februar 1867 im Dianabad uraufgeführt – zunächst als Chorwalzer. Der Welterfolg kam mit der Orchesterfassung, unter anderem bei der Weltausstellung in Paris im selben Jahr. Heute gilt der Donauwalzer als heimliche Hymne Österreichs.
Walzer heute
In Wien gehört es zum guten Ton, Walzer tanzen zu können. Die Ballsaison erreicht im Fasching ihren Höhepunkt; viele Berufsgruppen und Vereine veranstalten eigene Bälle. Wer den Schritt nicht beherrscht, findet in den Wiener Tanzschulen Kurse – oft auch kurze Einsteigerstunden vor dem Ball.
Dieser Beitrag beruht auf dem Artikel „Венский вальс: от запрета до восторга“ („Der Wiener Walzer: vom Verbot zur Begeisterung“) von Jekaterina Kosertschuk-Pisnjatschewskaja im Magazin Code 43, Winter 2013/2014, und wurde für code43.at neu bearbeitet.